AKTUELLE SHOW


Susanne Rottenbacher
WIPLASH IN THE DARK


Eröffnung: Freitag, 10. Oktober 2014, ab 18.00 Uhr
Zur Eröffnung spricht Julia Ritterskamp
Ausstellung bis 31.10.2014

 



Warum tut sich eine Künstlerin das an? Das fragt man sich zwangsläufig, taucht man tiefer ein in die technischen Fragestellungen und langwierigen Experimente, die mit all ihrem „Try & Error“ zum Arbeitsalltag von Susanne Rottenbacher gehören. Die Frage beantwortet sich jedoch von selbst, wenn man eine ihrer Ausstellungen sieht oder ihre Arbeiten am Bau kennt: Technische Herausforderungen und die Mühe, diese erfolgreich zu bewältigen, verschwinden letztendlich hinter dem Zauber des Ergebnisses.

Hier mag vielleicht dem einen oder anderen die Analogie zum Ballett einfallen: Bei der Premiere darf keinesfalls die zum Erreichen größtmöglicher Perfektion unerlässliche Qual wahrzunehmen sein, alles muss leicht und selbstverständlich wirken. Über diese Analogie zum Ballett gelangt man –leichtfüßig, quasi - zu einer Theorie hinsichtlich der Datierung der Entstehung der Lichtkunst auf das Jahr 1892. Damals debütierte die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller in Paris mit einer Choreographie als lebendige Lichtskulptur. „Ich forme Licht“, stellte Fuller fest und postulierte Kunst als ästhetische Gegenwelt. Natürlich hat Susanne Rottenbacher eine ganz andere Art, künstlerisch zu arbeiten. Und doch ist der Wunsch nach etwas Grenzüberschreitendem auch hier entscheidender Motor.

Als Medium wählt sie hierzu Licht, denn es ist zugleich Materie und Energie. Licht regt Leben an und ist andererseits in der Form von Teilchen tote Masse, es erscheint physisch und metaphysisch zugleich.

Eine schöne Parallele zu den genannten konträren Eigenschaften des Lichts an sich ist der Effekt, den die für Susanne Rottenbacher charakteristische Einbeziehung des jeweiligen Umraums verursacht: Mittels Licht löst sich die Grenze des einzelnen Kunstwerkes auf und doch bleibt es ein in sich geschlossenes Ding.

Die Körper aus Acrylglas, in denen LED-Lichter angeordnet sind, sind gleichzeitig durchsichtig und farbig, teilweise perlmuttartig schimmernd, so dass im Falle letzterer sich Betrachter und Umraum darin spiegeln können. Der scheinbare Widerspruch von Durchsicht bei gleichzeitiger eigenständiger Farbigkeit ist wiederum eine Analogie zu den ambivalenten Eigenheiten des Lichts an sich.

Die Werke beziehen die sich wandelnde Umgebung mit ein und erhalten hierdurch ganz unterschiedliche Erscheinungsformen in Abhängigkeit von Tageszeiten, Lichtveränderungen, Umraum, Betrachter. Die Ansichten der einzelnen Objekte und werden so ins Unermessliche erweitert. Dadurch formuliert die Ausstellung eine übergreifende bildhauerische Raumchoreographie aus verschiedenen Elementen.

Der Mensch braucht im Allgemeinen etwas Sichtbares, um das Transzendente erahnen zu können. Daher ist es ein Urbedürfnis, mit reellen Mitteln Transzendenz schaffen. Die leuchtenden Ringe, die kontinuierlich in Arbeiten von Susanne Rottenbacher vertreten sind, können mit vielem assoziiert werden: von das himmlische Jerusalem abbildenden romanischen Radleuchtern bis hin zu UFOS. In jedem Fall aber binden die Werke den Betrachter – faktisch und im übertragenen Sinne – ein. Sie umkreisen ihn, umfangen ihn, laden ihn ein in eine andere Welt. Licht als künstlerisches Medium ist somit eine logische Wahl: steht es doch in der Mehrzahl der Religionen und Bräuche für Leben, Heil, Erkenntnis, Erneuerung. Könnte man aufgrund dieser Tradition sagen, Lichtkunst sei eine demokratische Kunst? Zumindest lässt sie niemand „im Dunkeln stehen“, denn es geht nicht um ein Entschlüsseln von Inhalten auf der Basis eines elaborierten Bildungsniveaus, sondern um individuelles und direktes Wahrnehmen.

Den Lichtinstallationen von Susanne Rottenbacher merkt man die souveräne Beherrschung des Handwerks an. Sie studierte Bühnenbild am Barnard College, Columbia University in New York und Lichtbild an der Bartlett School of Architecture and Planning in London. Ob es sich um große Arbeiten am Bau handelt, oder eine demgegenüber eher kleinformatige, einzelne Lichtskulptur: stets öffnet sich für den Betrachter eine Bühne, stets verändert sich die gesamte räumliche Situation einschneidend durch die künstlerische Intervention. Die Entscheidung für Farbtöne, Grade der Durchsichtigkeit, Größe, Form und Art des Lichts verwandeln das ganze Stimmungsbild von öffentlichen Gebäuden und Grünanlagen, sowie von privaten Haushalten und Gärten. Und aktivieren bei allem Staunen über die Ästhetik gleichzeitig den Betrachter, seinen Bezug zu sich selbst und zu den Dingen zu überdenken.

Der französische Künstler Bernar Venet beherrscht zweifellos ebenfalls die große Bühne und die spezielle Situation der Außenskulptur mit monumentalen Blickachsen. Ihm widmet Susanne Rottenbacher die raumgreifende, aus 5 Bögen bestehende Arbeit Colours in disorder, a tribute to Bernar Venet. Der Titel spielt an auf die Arcs in Disorder, die aus mehreren offenen Kreisen bestehenden Stahlskulpturen Venets. Während jedoch Skulpturen aus traditionellen Materialien von außen Licht benötigen, leuchten die Arbeiten Rottenbachers zusätzlich von innen heraus. Somit entsteht ein ephemerer Dialog zwischen dem äußeren und inneren Licht, ungehindert durch die Grenze aus durchsichtigem Plexiglas.

Eine neue Freiheit in der Formgebung gewährt der hier erstmals angewendete Spezialschlauch, in dem die LEDs verschwinden, wodurch ein gleichmäßiges statt punktuell konzentriertes Leuchten entsteht. Susanne Rottenbacher ist nun in der Lage, mit Licht zu schreiben. Sie geht damit über den seit Ende der 1960er Jahre in der Kunst auftauchenden, meist konzeptuell begründeten, Gebrauch der Leuchtschrift (genannt seien exemplarisch Merz, Morellet, Nauman, Holzer) hinaus, indem die Schrift nicht klar definiert ist, sondern sich als freie Schwünge im Raum visualisiert.

Freiheit ist ein gutes Stichwort und war auch schon Titel der spektakulären Einzelausstellung der Künstlerin 2012 in der Christuskirche in Köln. Von der Enge der Buchstaben dieses Textes also auf zum freien Betrachten und unbegrenzten Erleben der Installationen von Susanne Rottenbacher!

Julia Ritterskamp im Oktober 2014